Das Buch
AUTOR(EN) Lolly Winston VERLAG Knaur TB ORIGINALTITELSommertau und Wolkenbruch SEITENZAHL 400 AUSSTATTUNG Taschenbuch TB PREIS EUR (D) 7,95 ISBN3-426-63607-7 ISBN 978-3-426-63607-7 ERSCHEINUNGSTERMIN 01.07.2008 GENRE Schicksal & Familiengeheimnisse
Dieses Buch ist lieferbar.- INHALT
- LESEPROBE
- REZENSIONEN
- LESERSTIMMEN
Sommertau und Wolkenbruch
Roman1
Elinor Mackey räumt ihre Handtasche aus, um sie leichter zu machen, und fragt sich, wie ein kaputter Rasensprengerkopf unter ihre Sachen geraten sein könnte, als sie erfährt, dass ihr Mann Ted eine Affäre hat.
Während sie sich in der Wärme ihrer schwach beleuchteten Waschküche mit ihrer Handtasche beschäftigt, versucht sie, die Energie zu mobilisieren, um die mehr als hundert beruflichen E-Mails durchzugehen, die sich auf ihrem Laptop, ihrem ständigen Begleiter, angesammelt haben. (Russische Teenies mit Winzigen Titties stecken in ihrem Spam-Filter fest. Soll sie sie freilassen? Finden Männer so was gut?) Vielleicht sollte sie eine Spankopita für den Abend mit ihrem Lesezirkel machen.
Ja, alle sollten ein griechisches Gericht kochen, denn schließlich lesen sie zurzeit die Ilias. Neuerdings kommen Elinors Gedanken ständig vom Weg ab – wie die Hand eines Kindes, die beim Ausmalen eines Bildes nicht innerhalb der Konturen bleiben kann, sondern mit dem Stift quer über das Blatt fährt, so dass der Baum blau wird und der Himmel braun. Sie nimmt den Rasensprengerkopf in die Hand, und ihr fällt ein, dass sie damit zum Eisenwarenladen fahren wollte, um einen neuen zu kaufen. Das ist ein Trick, den ihr Vater sie gelehrt hat: Nimm das kaputte Teil mit, dann hilft dir in der Regel ein Angestellter, ein neues zu finden, und erklärt dir, wie du es anbringen musst. Elinor beschließt, ihrer Freundin Kat wegen des griechischen Essens Bescheid zu sagen, doch als sie anrufen will, hört sie Teds Stimme in der Leitung.
»Gina, oh, Gina«, flüstert er.
Elinor hält den Atem an. Ihr Blick wandert zu den Waschmittelboxen auf dem Bord über der Maschine.
»Du fehlst mir«, sagt, wer immer diese Gina ist, leise.
Der Rasensprengerkopf entgleitet Elinors Hand und landet klappernd auf dem Boden. Sie schaltet den Trockner aus. Ted?
Eine Affäre?
»Was war das für ein Geräusch?«, fragt Ted.
»Ich habe nichts gehört«, antwortet Gina.
Oder ist vielleicht jemand Fremdes in der Leitung? Immerhin gibt es dieses seltsame Phänomen, dass man zufällig in das Telefonat eines Fremden hineingerät. Elinor hat das schon einmal erlebt. Sie tippte eine Nummer ein, und plötzlich wurde sie Zeuge eines Gesprächs, in dem ein Schüler einen Lehrer zu überreden versuchte, ihm eine bessere Note zu geben.
»Wir können uns nicht mehr so oft sehen«, sagt Ted. Nein, das ist kein Fremder. Es ist definitiv Ted, der da mit einer schniefenden Gina spricht. Ted, der es hasst, auf Partys zu gehen und neue Menschen kennen zu lernen! Ted, der in zerrissenen Flanellpyjamahosen mit Cowboy- und Indianer-Design darauf schläft.
Elinor wendet den Mund von der Sprechmuschel ab und bläst die angehaltene Luft in den Raum wie Zigarettenrauch
»Reden wir doch heute Abend darüber«, bittet Gina. »Ich habe um sechs Schluss. Lass mich dir was kochen.« Sie stöhnt das Wort kochen, als sei es ein lasziver Akt.
»Okay«, stimmt Ted zu, aber Elinor könnte schwören, dass Angst in seiner Stimme mitschwingt.
Eine Affäre. Elinor wartet darauf, dass Eifersucht sie in Rage versetzt. Stattdessen verspürt sie Mitleid. Für Ted. Für ihre Ehe. Und Erschöpfung. Sie kriecht an ihrer Wirbelsäule hinauf und drückt ihren Kopf nach unten.
Elinor presst ihre leere Handtasche an die Brust. Der Inhalt ist über den Trockner verstreut. Auf der Uni hatte sie eine, die groß genug war, um darin einen Sixpack in ein Rockkonzert schmuggeln zu können. Ihre jetzige enthält eine teure Lederbrieftasche, die beinahe aus den Nähten platzt vor Kreditkarten und Quittungen, einen Palm Pilot, eine Lesebrille, ein Handy, Migränetabletten, einen Concealer für dunkle Augenringe mit dem hübschen Namen »Vergebung in einer Flasche« und einen riesigen Bund Schlüssel, von denen einige ihr ein Rätsel sind.
Ted und Gina legen auf. Elinor presst das Telefon an ihre glühende Stirn. Ted hat eine Affäre. Ihre Ehe geht kaputt.
Lauf zu ihm und sag ihm, du musst mit ihm reden, fordert sie sich auf. Und dann mach einen Termin mit der Eheberaterin.
Da spricht die nüchterne Vernunft, die Elinor durchs College, durch das Jurastudium und durch fünfzehn Jahre als Anwältin für Arbeitsrecht und Arbeitsverhältnisse bei mehreren Hightech-Firmen in Silicon Valley brachte. Doch neuerdings ist ihre Tüchtigkeit einem überwältigenden Drang gewichen, sich hinzulegen. Einer Erschöpfung, die ihr in den Knochen steckt wie eine Grippe.
Das Leiden stellte sich ein, nachdem sie und Ted ihre Bemühungen aufgegeben hatten, ein Kind zu bekommen. Ein Jahr lang versuchten sie es auf eigene Faust und ließen sich dann auf zwei Jahre Tests und Behandlungen ein, darunter drei intrauterine Inseminationen und zwei In-vitro-Fertilisationen.
Elinor wurde einmal schwanger, erlitt jedoch schon früh eine Fehlgeburt. Trotzdem gab es ihnen Hoffnung. Sie wünschte sich zwei Söhne – sie liebt Jungen. Stattdessen bekam sie die Diagnose »Ungeklärte Unfruchtbarkeit« (wahrscheinlich altersbedingt, meinte der Arzt), sattelte zwanzig Pfunde drauf und litt unter hormonbedingter Unberechenbarkeit.
Als ihr vierzigster Geburtstag auf sie zukam, fühlte sie sich wie ein unbrauchbares Nutztier, das man schlachten sollte.
»Ist es dir recht, wenn ich mir einen Testosteron-Film ansehe?«, ruft Ted den Flur herunter und reißt Elinor damit aus ihren Gedanken. Erst jetzt wird ihr bewusst, dass sie vor dem offenen Trockner steht und eine Socke in der Hand hält.
»Mmm«, sagt sie. Es kommt öfter vor, dass Ted und sie getrennt ins Kino gehen. Sie mag künstlerische und Zeitgeist-Filme, während Ted das Hau-drauf-Genre bevorzugt. Stell ihn zur Rede! Die Socke zittert in ihrer Hand.
»Bist du da?« Besorgnis schwingt in Teds Stimme mit.
»Einen Film?«, ruft Elinor zurück. »Klar. Viel Spaß!« Sie klingt zu begeistert, übertrieben fröhlich. »Warte«, sagt sie leiser. Sie hört Ted den Flur entlanggehen und durch die Küche. Dann grummelt und quietscht das Garagentor. Tu was! Sie lässt die Socke fallen und rennt den Flur hinunter. Fahr ihm nach. Auf dem Weg zur Garage fällt ihr ein, dass ihr Wagen in der Werkstatt ist. Sie macht kehrt, stürmt zur Terrassentür hinaus und zwischen den Büschen hindurch zu ihrer Freundin Kat hinüber, um sich deren Minivan zu borgen.
»Ich erklär’s dir später«, keucht sie, als sie Kat die Schlüssel aus der Hand reißt.
Kat, auf deren kurzem, dunklem Haar eine Baseballkappe sitzt, schaut nach unten und deutet auf Elinors Füße. »Du bist barfuß«, sagt sie, doch es ist eine reine Feststellung, keine Kritik. Kat äußert so gut wie niemals irgendeine Kritik am Verhalten eines anderen Menschen.
Elinor holt Ted bei dem Stoppschild am Ende ihrer Straße ein.
Sie schnappt sich Kats Sonnenbrille, die, wie sie weiß, immer hinter der Sonnenblende klemmt, und duckt sich. Die Luft im Wagen ist augusthitzestickig, und sie schaltet die Klimaanlage ein. Auf dem kleinen Bildschirm hinten im Van läuft »Der König der Löwen«. Elinor hat keine Ahnung, wie man dem verdammten Ding den Saft abdrehen kann. »Hukuna matata!«, ruft irgendein Tier, während sie wie wild auf die Tasten einschlägt.
Ted überrascht sie damit, dass er in den Parkplatz ihres Fitnesscenters einbiegt. Elinor schlägt zu scharf ein, und der Wagen rumpelt über den Randstein. Eine Frau, die vor dem Eingang steht, winkt Ted zu. Elinor kennt sie von ihren sporadischen Ausflügen ins Center: Sie arbeitet dort als Trainerin, ist Anfang dreißig und hat glattes, hellbraunes Haar, das bis zu dem kleinen, festen Apfelpo reicht, um den Elinor sie glühend beneidet. Manchmal trägt das Mädchen einen untersetzergroßen Anstecker auf ihrem eng anliegenden »Fragen Sie mich nach The Zone!«-T-Shirt. Elinor bleibt im hinteren Teil des Parkplatzes stehen und beobachtet, wie die Trainerin zu Ted ins Auto steigt und ihre Sporttasche auf den Rücksitz wirft.
Elinor folgt ihnen auf den nach Süden führenden Freeway.
Ein paar Ausfahrten später biegen sie ab und fahren durch ein ihr unbekanntes Viertel. Schließlich hält Ted vor einem Healthy-Oats-Laden. Die Frau – Gina, es muss Gina sein – steigt aus und macht einen kleinen Luftsprung, als habe er sie zu Tiffany’s gebracht. Als sie seine Hand nimmt, sieht er sich verstohlen um. Ted! Du hältst am helllichten Tag Händchen mit deiner heimlichen Flamme? Er entzieht ihr seine Hand, doch sie scheint sein Unbehagen nicht zu bemerken, denn sie drängt sich eng an ihn, als sie auf das Geschäft zugehen. Elinor schaltet die Zündung aus und wartet. In ihrem Viertel gibt es ebenfalls eine Healthy-Oats-Filiale, doch Elinor war nur ein paar Mal dort, um kreidige Proteinshakes zu kaufen, denn die Preise waren haarsträubend.
Vielleicht ist das hier die Erklärung für den Leinsamen.
Etwa vor einer Woche, als sie nach einem Regenschirm suchte, fand sie eine Pfundpackung Körner auf dem Rücksitz von Teds Wagen – aus einem Naturkostladen, in dem sie kaum je einkauften. Bei näherer Untersuchung stellte sie fest, dass es sich um kleine, honigbraune Samen handelte, die glatt und glänzend durch die Plastikhülle schimmerten. Ein zweiter Beutel enthielt ein feines, goldfarbenes Pulver. Gemahlene Leinsamen.
»Wofür sind die?«, fragte sie und stellte die beiden Beutel auf die Frühstückstheke.
Als Ted sich vom Spülbecken zu ihr umdrehte und die Tüten sah, zuckte er regelrecht zusammen und wurde dunkelrot.
»Das … das ist Leinsamen«, stotterte er.
»Okay.« Elinor lachte. »Ich wollte nicht indiskret sein.« Großer Gott. Er reagierte, als hätte sie ihn mit Pornos oder Zigaretten erwischt.
Ted stürzte sich in eine unnötig ausführliche Erklärung, weshalb Leinsamen und Leinsamenpulver die gesündeste Methode seien, die notwendigen Ballaststoffe zu sich zu nehmen.
Leinsamen sei reich an Fasern, Omega-3-Fettsäuren und Lignin, was immer das auch wäre. Das habe Dr. Edwards gesagt. Wenn man Kohlenhydrate esse, müssten es komplexe sein.
»Klingt gut«, meinte Elinor. »Wann hast du Dr. E. denn gesehen? « Auch diesmal war es nicht als Verhör gemeint – sie versuchte lediglich, mit ihrem Mann zu reden. Sie redeten in letzter Zeit so wenig miteinander.
»Letzte Woche.«
»Auf der Tagung in Monterey?«
Ted ist Arzt, ein Fußspezialist, und hat die gesamte vergangene Woche auf einer Tagung seiner Fußarztkollegen verbracht.
Dr. Edwards aber ist praktischer Arzt.
»Auf dem Golfplatz.«
Ted hasst Golf. Für gewöhnlich schafft er es auf Tagungen, sich darum zu drücken, doch vielleicht hat er plötzlich Geschmack daran gefunden – wie an Leinsamen.
»Ich mache dir Leinsamenpfannkuchen«, erbot er sich, drehte endlich den Wasserhahn zu und trocknete sich die Hände ab.
»Okay«, sagte Elinor. »Ich bin gespannt.«
Irgendwo ist eine Autoalarmanlage angegangen, und das penetrante Geräusch weckt in Elinor den Wunsch, Kats Minivan geradewegs in die dekorative Pyramide aus Äpfeln und Erdbeeren vor dem Laden zu steuern. Ruf die Eheberaterin an, fordert sie sich auf, und mach gleich für morgen einen Termin.
Doch sie hat ihr Handy zu Hause gelassen, ebenso wie ihre Brieftasche und ihre Schuhe. Sie mag die Kokon-Atmosphäre des sonnigen Therapiezimmers, die Orientteppiche, die deckenhohen Bücherregale, die Staubpartikel, die träge in der Luft schweben. Als sie und Ted darüber sprachen, wie die Unfruchtbarkeit ihr Sexleben ruiniert hatte, nickte die Eheberaterin – Dr. Brewster – mitfühlend und meinte, das sei üblich.
Als Ted darüber klagte, wie jähzornig und abweisend Elinor geworden sei, erklärte Dr. Brewster ihm, dass die Hormone diese Stimmungsschwankungen verursachten – Elinor könne nichts dafür.
Während der ersten Monate mit Prozeduren und Arztterminen hat Elinor es geschafft, den Hormonterror zu bekämpfen.
Sie praktizierte Yoga und Visualisierung und belegte einen Kurs für Aquarellmalerei. Sie sah im Geist winzige Osh-Kosh-Latzhosen und Cowboystiefel. Das Labor bewertete ihre ersten beiden Embryos während der ersten In-Vitro mit einer glatten Eins, der besten Note, auf die man hoffen konnte. Elinor spielte mit dem Gedanken, sich einen Aufkleber für die Stoßstange machen zu lassen: Meine Embryos haben vom Stanford Hospital eine glatte Eins bekommen! Aber es ging schief.
»Irgendwas stimmt nicht mit mir«, insistierte sie.
»Es ist nicht deine Schuld«, widersprach Ted und nahm sie in die Arme. »Ich liebe dich. Lass uns eine Pause einlegen. Lass uns nach Paris fliegen.«
Elinor stieß ihn weg. »Non, merci«, lehnte sie brüsk ab.
Während der zweiten In-Vitro, irgendwo um die zwanzigste Injektion herum, die Ted ihr gab, gewannen die Hormone die Oberhand. Elinor knallte Türen und schrie ihn an. Alles war seine Schuld. Schlechtes Wetter? Eine Reifenpanne? Eine anstrengende Konferenz? Sie kreidete es Ted an.
Eines Morgens wollte sie das Stäbchen eines Heim-Schwangerschaftstests mit einem Hammer zertrümmern, ein undurchführbares Unterfangen, wie sich herausstellte. Gib mir die zweite. Rosa. Linie. Sie legte das Stäbchen auf ein Zellstofftuch, wusch sich die Hände und schloss die Augen. Sie öffnete sie. Nichts. Wie von Sinnen rannte sie in den Allzweckraum, riss den Hammer aus dem Werkzeugkasten, rannte ins Bad zurück und zertrümmerte das Stäbchen. Besser gesagt, sie versuchte es. Der erste Schlag bewirkte gar nichts. Der zweite splitterte ein Stück vom Waschbecken ab, hinterließ auf dem Stäbchen jedoch nicht einmal eine Delle. Außer sich vor Wut und Verzweiflung drosch sie laut schluchzend immer und immer wieder mit dem Hammer auf das Stäbchen ein. Ihr Gesicht glühte, und sie spürte Speichelfäden aus ihrem Mund hängen. Irgendwann verließen sie die Kräfte, und sie sank im Schneidersitz zu Boden und drückte den Hammer wie ein Kind an ihre Brust. Ted stieß die Tür auf und starrte Elinor an wie eine Fremde auf der Straße, mit der er nichts zu schaffen haben wollte. Sie hatte sich noch nie so abstoßend gefühlt. In diesem Moment setzte die Erschöpfung ein, senkte sich, schwer wie eine Röntgenschürze, auf ihre Schultern.